Verstrickung und Verwicklung (2009-11)
Verstrickung
Stricken stellt einen komplexen Prozess der maschinellen oder manuellen Textilherstellung dar, bei dem durch das Ineinanderfügen von Schleifen ein elastisches, zusammenhängendes Maschengebilde entsteht. Durch die Dehnbarkeit und Instabilität der Masche thematisiert diese Technik die Fragilität von Ordnung, wobei das "Auftrennen" oder "Verwirren" des Fadens als bildhaftes Äquivalent für den Verlust von Kontrolle oder den Zerfall von verschiedensten Systemen fungieren kann.
Textile Strukturen fungieren in meinen Arbeiten häufig als multivalente Metaphern für soziale Geflechte, psychische Zustände oder die Komplexität menschlicher Beziehungen. Inhaltlich ähnlich, wenn auch auf ganz andere Weise als in Rosemarie Trockels Strickbilder, die ab den 1980er-Jahren entstanden, stellen meine Arbeiten eine radikale Dekonstruktion geschlechtsspezifischer Hierarchien dar. (Siehe u. a. 'Ein Fall für die Gleichstellungsbeauftragte' in der Rubrik 'Concept Art') Das Überführen des häuslichen und als 'minderwertig' konnotierte Kunsthandwerk des Strickens in den Kontext der Malerei oder Grafik entlarvt die männlich dominierte Genregeschichte und bricht das Klischee der 'fleißigen Frauenarbeit' auf, indem das Handwerkliche zur hochschwelligen Reflexion über Identität und gesellschaftliche Einbindung erhoben wird.
Verwicklung
Das Wollknäuel, das eine enorme Fadenlänge auf kleinstem Raum konzentriert, dient bei mir primär als Symbol für ein scheinbar unbegrenztes Potenzial. Der Faden selbst markiert den Beginn eines schöpferischen Prozesses des Unvorsehbaren.
Das Wollknäuel fungiert als ein ambivalentes System, das zwischen häuslicher Geborgenheit und existenziellem Labyrinth oszilliert. . . . In der kunsthistorischen Ikonografie verweist die Kugel aus gewickeltem Faden oft auf die griechischen Mythologie, wobei das Knäuel das Potenzial des ungesponnenen oder noch nicht abgelaufenen Lebens repräsentiert, während der lose Faden die zeitliche Kontinuität und Unausweichlichkeit des Schicksals markiert. . . Dabei dient die Wolle als Medium der Entschleunigung und der taktilen Erfahrung, welches in einer zunehmend digitalisierten Welt die physische Präsenz und die Zeitlichkeit des handwerklichen Akts betont, während die kreisförmige Wicklung gleichzeitig Unendlichkeit und die zyklische Natur von Entstehen und Vergehen innerhalb der künstlerischen Narration verkörpert. . . .



































